Servicestelle Friedensbildung

Baden-Württemberg

 

ARMENIEN - ASERBAIDSCHAN

Eine Konfliktanalyse um Bergkarabach aus friedenspädagogischer Sicht

Wo? – Konfliktregion

Der Konflikt ist ein zwischenstaatlicher Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Bergkarabach (manchmal auch Arzach genannt). Armenien und Aserbaidschan liegen im Kaukasus-Gebirge zwischen Asien und Europa. Im flächenmäßig kleineren Armenien leben rund drei Millionen Einwohner:innen, in Aserbaidschan 10 Millionen. Die Bevölkerung Bergkarabachs sieht sich selbst mehrheitlich als Armenier:innen. Bergkarabach ist eine de-facto-Republik, die von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt wird und völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört.

 

Wer? – Konfliktparteien

In dem über 30-jährigen Konflikt um die Region Bergkarabach stehen sich die Konfliktparteien Armenien und Aserbaidschan gegenüber. Das pro-westliche Armenien ist in der Region weitgehend isoliert, wurde bis 2020 aber von Russland durch Waffenlieferungen unterstützt. Aserbaidschan erhält militärische Unterstützung durch Russland, die Türkei und Israel.

 

Wann? – Zeittafel

1921: Anschluss Bergkarabachs an Sowjetaserbaidschan: Die sowjetische Regierung schließt Bergkarabach entgegen früheren Zusagen und der armenischen Mehrheitsbevölke-rung an Sowjetaserbaidschan an. Ein Drittel des von Armenien beanspruchten Gebiets erhält den Status eines Autonomen Gebiets.

1987/1988: Bergkarabach fordert den Austritt aus Aserbaidschan und den Anschluss an Ar-menien. Als Reaktion kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Vertreibungen und Massakern an der Zivilbevölkerung in Sumgait, Kirowabad und Baku.

1991/1992: Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion erklären sich Aserbaidschan und Armenien für unabhängig. Auch Bergkarabach erklärt sich als autonome Region.

1991 - 1994: Erster Bergkarabach-Krieg: Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach eskaliert. Armenische Truppen besetzen letztendlich Bergkarabach und um-liegende aserbaidschanische Gebiete.

1994: Waffenstillstandsabkommen: Bergkarabach wird durch seine Autonomie-Behörde mit Unterstützung durch Armenien regiert, bleibt aber international anerkannter Teil Aserbaid-schans. Aserbaidschaner:innen aus der Region Bergkarabach und den weiteren von Armenien besetzten Gebieten werden vertrieben.

April 2016: Vier-Tage-Krieg: Aserbaidschan greift Armenien an und erzielt militärische Land-gewinne in einzelnen, von Armenien besetzten Gebieten.

2020: Zweiter Bergkarabach-Krieg: Aserbaidschan greift Bergkarabach an und erobert viele 1994 verlorene Gebiete zurück und bringt strategische Positionen sowie historisch wichtige Orte Bergkarabachs unter seine Kontrolle. Unter Vermittlung Russlands wird ein Waffenstill-standabkommen geschlossen. Es werden ca. 2000 russische Soldat:innen zur Friedenssiche-rung stationiert und weitere Distrikte an Aserbaidschan zurück gegeben. Die Waffenruhe er-weist sich allerdings als brüchig. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit mili-tärischen Mitteln.

2022: Aserbaidschan blockiert den Latschin-Korridor, den einzigen Zugang aus Armenien nach Bergkarabach. Die Bevölkerung in Bergkarabach ist dadurch von der Versorgung abgeschnit-ten.

Februar 2023: Die Europäische Union leitet eine zivile Mission in Armenien ein (EU-Mission in Armenien/EUMA), die zur Stabilität in den Grenzgebieten Armeniens beitragen soll.

September 2023: Wiedereingliederung von Bergkarabach in Aserbaidschan: Durch eine große Militäroffensive erobert Aserbaidschan die restlichen Gebiete Bergkarabachs. Fast die gesamte armenische Bevölkerung flieht aus Bergkarabach nach Armenien. Der de-facto Präsident von Bergkarabach unterzeichnet eine Verordnung, nach der zum Januar 2024 alle staat-lichen Institutionen und die Republik Bergkarabach selbst aufgelöst werden sollen.

2025: Verhandlungen und Friedensabkommen: Unter US-amerikanischer Vermittlung unter-zeichnen Armenien und Aserbaidschan ein Friedensabkommen, in dem beide die jeweilige Souveränität und territoriale Integrität anerkennen.

Wie? – Mittel der Konfliktaustragung

Der Konflikt um Bergkarabach wurde vor allem mit militärischen Mitteln ausgetragen, darunter militärische Offensiven, Luft- und Drohnenangriffe sowie Blockaden. Beide Seiten des Konflikts verübten zu Beginn des Konflikts Massaker, schwere Menschenrechtsverletzungen und ethnische Gewalt an Zivilist:innen. Der Konflikt wurde lange als „eingefroren“ beschrieben. Dennoch gab es ein militärisches Wettrüsten zwischen Armenien und Aserbeidschan bis 2020 die erneuten kriegerischen Auseinandersetzungen mit militärischen Mitteln geführt wurden. Mit der Blockade des Latschings-Korrdiors wurde Bergkarabach von der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern wie Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Waren abgeschnitten. Menschenrechtsorganisationen sowie der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshof sprechen von einem Genozid an Armenier:innen durch Aserbaidschan. Aserbaidschan wurden zudem weitere Kriegsverbrechen, darunter Folter von Kriegsgefangenen sowie Zivilist:innen, vorgeworfen.
Seit Beginn des Konflikts sind zwischen 25.000 und 50.000 Menschen in Folge des Krieges gestorben, zwischen 20.000 und 30.000 alleine im ersten Bergkarabach-Krieg. Über eine Milli-onen Menschen wurden auf beiden Seiten im Zuge des Konflikts vertrieben. Nach der aserbaidschanischen Offensive 2023 flohen aus Bergkarabach über 100.000 Armenier:innen.
Die Türkei und Aserbaidschan sind strategische Partner, Aserbaidschan kauft militärische Güter von der Türkei. Russland lieferte in der Vergangenheit Waffen an beide Länder und nimmt keine eindeutige Position ein. Seit der Unabhängigkeit Bergkarabachs hat Russland aber vornehmlich Armenien bei der militärischen Aufrüstung unterstützt. Es gibt eine Militärbasis Russlands in Armenien und armenische Militärs werden von der russischen Armee ausgebildet.

 

Warum? – Erklärungen für den Konflikt

Anspruch auf das Territorium Bergkarabachs (machtbasierter Erklärungsansatz)

Kern des Konflikts ist die Uneinigkeit über den Status der Region Bergkarabach, auf die beide Länder einen Anspruch erheben. Die Region Bergkarabach hatte während der Sowjetunion ei-nen Autonomiestatus innerhalb der Sozialistischen Sowjetrepublik (SSR). Aserbaidschan be-ruft sich daher auf völkerrechtlich auf seine territoriale Integrität. Bis zur Einnahme Bergkara-bachs 2023 durch Aserbaidschan lebten überwiegend ethnische Armenier:innen in Bergkara-bach. Die Armenier:innen berufen sich auf eine mehrere Jahrtausende alte Siedlungsge-schichte in Bergkarabach und ihr völkerrechtliches Selbstbestimmungsrecht. Sie forderten eine Unabhängigkeit der Region von Aserbaidschan.Der Konflikt in der Region des Südkaukasus befindet sich außerdem im Spannungsgebiet kon-kurrierender Einflusssphären. Die Interessen und der Einfluss anderer Länder haben erhebli-chen Einfluss auf den Konflikt und seine Entwicklung. So unterstützt die Türkei Aserbaidschan politisch und militärisch. Russland sieht sich zwar als Schutzmacht Armeniens, will aber auch seinen Einfluss auf Aserbaidschan erhalten.

Kulturelle Identitäten und Othering (kultureller Erklärungsansatz)

Aufgrund der kulturellen und historischen Bedeutung des Gebiets für die Konfliktparteien und der Dauer des Konflikts, ist dieser eng mit den Identitätskonstruktionen und nationalen Identi-täten beider Länder verwoben. Dabei werden in öffentlichen Reden entweder Armenien oder Aserbaidschan als Aggressor und Bedrohung für die eigene Bevölkerung dargestellt und Feind-bilder aufgrund ethnischer Zugehörigkeiten konstruiert.

Friedenspotenziale

Welche Friedensbemühungen gibt es bereits?

Staatlich

Russland nahm im Konflikt lange eine dominante Rolle als Mediator ein. Die Waffenstillstandsverträge von 2020 und von 1994 wurden durch Russland vermittelt und anschließend wurden russische Truppen zur Friedenssicherung in Bergkarabach stationiert. Durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine, hat sich der russische Einfluss auf den Konflikt reduziert.

 

International

Bereits 1993 verabschiedeten die Vereinten Nationen mehrere Resolutionen zur Einstellung der Kampfhandlungen und zur Sicherung der humanitären Hilfe. Auch Friedensverhandlungen und Vermittlungsversuche gab es in unterschiedlichen Formen. Frühere Vermittlungsversuche im Rahmen der OSZE Minsk Gruppe durch verstärkte Unterstützung aus Frankreich, den USA und Russland waren nicht erfolgreich. Seit dem Ende des Krieges im Jahr 2020 hatte die Europäische Union die Initiative als Mediatorin ergriffen, aber auch regionale Großmächte wie Russland, Iran und die Türkei spielen weiterhin eine wichtige Rolle.
2021 hat der Internationale Gerichtshof Aserbaidschan aufgefordert, Hassreden und die Diskriminierung Personen nationaler und ethischer armenischer Herkunft einzustellen. Auch das EU-Parlament verabschiedete daraufhin eine entsprechende Resolution mit Sanktionen, falls Verbesserungen ausbleiben.
Bereits im Januar 2024 einigten sich Armenien und Aserbaidschan auf eine Grenzziehung unter US-amerikanischer Vermittlung. Diese Einigung schaffte die Grundlage für weitere Ver-handlungen. Im März 2025 einigten sich die Konfliktparteien auf die Anerkennung der jeweiligen Souveränität und territorialen Integrität. Das Friedensabkommen zischen Armenien und Aserbaidschan wurde im August 2025 im Weißen Haus in den USA unterzeichnet. Neben der Beendigung der Kampfhandlungen enthält es auch eine Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen, sowie Handel- und Transiterleichterungen. Aserbaidschan knüpft den Frieden allerdings an eine Verfassungsänderung, in der Armenien auf alle territorialen Ansprüche verzichtet. Armenien hat diese Verfassungsänderung noch nicht vollzogen. Ebenfalls bleiben die Rückkehr von Geflüchteten und Sicherheitsgarantien für die ehemalige Bevölkerung Bergkarabachs ungeklärt.

 

Zivilgesellschaftlich

Es gibt zivilgesellschaftliche Initiativen wie “Women Mediators of South Caucasus“ oder Projekte im Bereich Friedensjournalismus. Jedoch sind die Spielräume für zivilgesellschaftliche Initiativen und Austausch zwischen den Zivilgesellschaften begrenzt und eingeschränkt.
Die Berghof Foundation führt ein Projekt durch zur „Erinnerung und Geschichte als Basis für die soziale Versöhnung für die vom Bergkarabach-Konflikt betroffenen Menschen“. Es zielt darauf ab, durch die Aufarbeitung der gewaltsamen Vergangenheit in beiden Gesellschaften, mehr Räume für Friedensförderung zu schaffen.

 

Welche Friedensansätze werden diskutiert?

  • Kontinuierliche diplomatische Bemühungen im Rahmen der OSZE-Minsk Group.
  • Zivilgesellschaftliche Initiativen engagieren sich vor Ort, haben aber nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten und Ressourcen.
  • Nach dem Krieg 2020 stehen Bemühungen von internationalen Organisationen, wie dem Roten Kreuz, im Bereich der Humanitären Hilfe und der Versorgung der Zivilbevölkerung im Vordergrund, vor allem an der sogenannten Kontaktlinie.
  • Aktuell gibt es keine staatliche oder gar gemeinsame Aufarbeitung der Konfliktge-schichte. Ein Aufbau wechselseitigen Vertrauens, beispielsweise durch zivilgesellschaftliche Begegnungen im Bereich Klima- und Umweltschutz ist daher zentral.
  • Die Rückkehr der Vertriebenen und der Schutz von Minderheitenrechten bleiben ebenfalls weiterhin ungelöste Fragen, sind aber wichtige Voraussetzungen für einen dauerhaften Frieden.

Konfliktpartei: Armenien

Konfliktpartei: Armenien

Positionen
-    Bergkarabach hat historische und kulturelle Verbindung zu Armenien
-    Bergkarabach ist Teil von Armenien oder unabhängig
-    Forderung nach Selbstbestimmungsrecht der Völker

Interessen
-    Zugang und Kontrolle über historisch bedeutende Gebiete
-    Fortbestand der armenischen Nation

Bedürfnisse
-    Sicherheit
-    Schutz
-    (kulturelle) Anerkennung

 

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel (leer)

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel Armenien (ausgefüllt)

Konfliktpartei: Aserbaidschan

Konfliktpartei: Aserbaidschan

Positionen
-    Bergkarabach hat historische und kulturelle Verbindung zu Aserbaidschan
-    Bergkarabach ist Teil von Aserbaidschan
-    Bergkarabach besitzt territoriale Integrität

Interessen
-    Zugang und Kontrolle über historisch bedeutende Gebiete
-    Machterhalt

Bedürfnisse
-    Sicherheit
-    Schutz
-    (kulturelle) Anerkennung

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel (leer)

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel Aserbaidschan (ausgefüllt)

Konfliktbaum Armenien und Aserbaidschan

Konfliktbaum Armenien und Aserbaidschan

Effekte und Auswirkungen
-    kollektives, transgenerationales Trauma
-    nur sehr begrenzter Raum für Austausch zwischen Zivilgesellschaften
-    humanitärer Notstand in Bergkarabach
-    Hassrede, nationalistische Narrative, Feindbildkonstruktionen
-    Situation von Vertriebenen in Armenien und Aserbaidschan
-    Flucht und Vertreibung

Kernproblem: Konflikt über Zugehörigkeit des Gebiets von Bergkarabach

Konfliktursachen
-    historische und kulturelle Bedeutung der Region für Konfliktparteien
-    Südkaukasus als Feld der Machtpolitik zwischen Russland und der EU, Rolle der Türkei, Iran, Israel
-    innenpolitische Relevanz für Machterhalt, Self-Other Konstruktionen, Schaffung von Feindbildern
-    wechselnde Bevölkerungsstrukturen und Vertreibung

Arbeitsblatt Konfliktbaum (leer)

Arbeitsblatt Konfliktbaum Aserbaidschan (ausgefüllt)

 


 

Literatur und Quellen

Literatur und Quellen

  • Crisis Group (2005a): Nagorno-Karabakh: A Plan for Peace, Europe Report N°167, Tbilisi/Brussels.
  • Crisis Group (2005b): Nagorno-Karabakh: Viewing the Conflict from the ground, Europe Report N°166, Tbilisi/Brussels.
  • Crisis Group (2017): Nagorno-Karabakh’s Gathering War Clouds, Europe Report N°244, Yerevan/Baku/Stepanakert/Brussels/Vienna.
  • Crisis Group (2021): Post-war Prospects for Nagorno-Karabakh, Europe Report N°264, Yerevan/Stepanakert/Baku/Tbilisi/Moscow/Istanbul/Brussels.
  • LpB Baden-Württemberg: Bergkarabach-Konflikt
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Konfliktporträt Bergkarabach

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