BOSNIEN UND HERZEGOWINA
Eine Konfliktanalyse aus friedenspädagogischer Sicht

Hier die Konfliktanalyse zum Download.
Ebenso gibt es die Konfliktanalyse in Leichter Sprache sowie Auswirkungen, Problem und Gründe in Leichter Sprache.
Wo? – Konfliktregion
Bosnien und Herzegowina ist ein Land in Südosteuropa auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Der Bundesstaat Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei Landesteilen: Der Föderation Bosnien und Herzegowina (mehrheitlich von muslimischen Bosniaken und bosnischen Kroaten bevölkert) und der Republika Srpska (mehrheitlich von bosnischen Serben bevölkert).


Wer? – Konfliktparteien
Im Bosnienkrieg (1992-1995) kämpfen auf der einen Seite bosnische Serb:innen, unterstützt von paramilitärischen Gruppen und weiten Teilen der Jugoslawischen Volksarmee (JVA). Die Gegenseite besteht zunächst sowohl aus muslimischen Bosniak:innen als auch bosnischen Kroat:innen und neu entstehenden paramilitärische Organisationen und Streitkräften, welche sich jedoch im Laufe des Bürgerkriegs ebenfalls zerstreiten und gegeneinander kämpfen. Mitte 1995 kann durch die militärische Kooperation von bosnischer Regierungsarmee und kroatischen Streitkräften und durch internationale militärische Intervention (z.B. NATO Bombardierung vor allem serbisch besiedelter Gebiete und militärischer Stützpunkte bosnischer Serben) der bewaffnete Konflikt beendet werden.
Bosniak:innen bezeichnet die muslimische Bevölkerung, die in Bosnien-Herzegowina die Mehrheit darstellt. Ihre katholischen oder orthodoxen Vorfahren sind im Zuge der Eroberung der Osmanen (14.-16. Jahrhundert) zum Islam übergetreten (meist nicht durch Zwang). Die Bezeichnung Bosniak:innen hat sich im Rahmen des Krieges und der sich anschließenden politischen Auseinandersetzungen etabliert.
Wann? – Zeittafel
1990: Erste freie Mehrparteienwahlen nach Gründung (1945) der „Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien“ (SFRJ)
1991: Ausrufung der „Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina“ durch bosnische Serb:innen
03/1992: Ausrufung der „Republik Bosnien und Herzegowina“ durch bosnische Kroat:innen und Bosniak:innen
04/1992: Eskalation nach internationaler Anerkennung der „Republik Bosnien und Herzegowina“
07/1995: Massaker von Srebrenica
11/1995: Friedenskonferenz in Dayton (USA)
Wie? – Mittel der Konfliktaustragung

Von allen Kriegsparteien wurden gravierende Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen gegen die Zivilbevölkerung – meist gegen eine bestimmte ethnische Gruppe – verübt. Insbesondere sexualisierte Gewalt (z.B. Massenvergewaltigungen von mind. 25 000 Frauen) und „ethnische Säuberungen“ (systematische Verfolgung und Auslöschung von Angehörigen anderer ethnischer Gruppen, z.B. Massaker von Srebrenica) wurden als systematische Kriegswaffe benutzt. Serbisch-bosnische Truppen erhielten nach dem offiziellen Abzug der Jugoslawischen Volksarmee deren Waffen und Ausrüstung, wodurch sie der bosnischen Armee militärisch stark überlegen waren. Sie kontrollierten zeitweise 70% des Landes und belagerten die Hauptstadt Sarajevo vier Jahre lang.
Warum? – Erklärungen für den Konflikt
Ethnische Identitäten und Nationalismus (kultureller Erklärungsansatz)
In der bosnischen Teilrepublik lebten die meisten unterschiedlichen ethnischen Gruppen Jugoslawiens, wobei die (größtenteils) muslimischen Bosniak:innen, christlich-orthodoxen Serb:innen und katholischen Kroat:innen die größten Ethnien bildeten. Zwischen diesen ethnischen Gruppen kommt es bereits während der kommunistischen Diktatur unter Josip Broz Tito zu Konflikten und Unabhängigkeitsbestrebungen, welche er jedoch im Gegensatz zur Folgeregierung unterdrücken kann. Nachdem der Zusammenhalt Jugoslawiens nach dem slowenischen Unabhängigkeitskrieg 1991 nicht mehr möglich erscheint, streben Serb:innen einen „großserbischen Staat“ an, zu dem auch hauptsächlich von Serb:innen besiedelte Teile Bosnien-Herzegowinas gehören sollen. Gleichzeitig erklärt sich die Teilrepublik Bosnien-Herzegowina 1992 politisch unabhängig. In diesem entstehenden politischen Gebilde sehen sich Serb:innen plötzlich als Minderheit. Daraus schlussfolgern sie, dass die Bosniak:innen und Kroat:innen aus den überwiegend serbischen Gebieten in Bosnien und Herzegowina sowie Kroatien vertrieben werden sollen. Diese Vertreibungen bzw. Ermordungen wurden als „ethnische Säuberungen“ bezeichnet. Von serbischer Seite wird die Vertreibung bzw. Ermordung der muslimischen Bosniak:innen als Vergeltung für die katholischen und orthodoxen Vorfahren gerechtfertigt, welche von den osmanischen Eroberern (14.-16. Jhd.) zum Übertritt in den Islam „gezwungen“ wurden. Im Laufe des Krieges erheben auch bosnische Kroat:innen politischen Anspruch auf mehrheitlich von bosnischen Kroat:innen besiedelte Gebiete. Gleichermaßen von ihren nationalistischen Bewegungen angetrieben, begehen bosnische und bosnisch-kroatische Truppen Racheakte an Serb:innen.
Politischer und wirtschaftlicher Zerfall Jugoslawiens (machtbasierter Erklärungsansatz)
Mit dem Tod des Diktators Tito 1980 stirbt auch die Idee der jugoslawischen Einheit, woraufhin weitere Legitimationspfeiler des sozialistischen Systems bröckeln. Gleichzeitig wächst Unmut in der Bevölkerung über die zunehmenden Entwicklungs- und Wohlstandsunterschiede zwischen wohlhabenderen nördlichen und ärmeren südlichen Regionen der SFRJ, wofür sich die ethnischen Gruppen gegenseitig beschuldigen. Nach demokratischen Wahlen 1990/91 in fast allen Teilrepubliken (außer Serbien), in denen überwiegend nationalistische Parteien siegen, stimmt daher ein Großteil der Bevölkerung in Volksabstimmungen in den einzelnen Republiken für die Unabhängigkeit von der SFRJ. Daraufhin verkünden zunächst Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit, was zum slowenischen Zehn-Tage-Krieg und dem Kroatienkrieg 1991-1995 führt. Da auch die in Bosnien und Herzegowina lebenden Serb:innen verhindern wollen, von ihrem Volk in Serbien abgetrennt und zu einer Minderheit in Bosnien und Herzegowina zu werden, bekämpfen sie mit Unterstützung paramilitärischer Gruppen und der JVA die zunächst politischen Unabhängigkeitsbestrebungen der bosnischen Kroat:innen und Bosniak:innen. Nachdem die Europäische Gemeinschaft (Vorgänger der Europäischen Union (EU)) und die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) die „Republik Bosnien und Herzegowina“ als unabhängig anerkennen, eskaliert der militärische Konflikt.
Friedenspotenziale

Welche Friedensbemühungen gibt es bereits?
International/Staatlich
1992 entsenden die Vereinten Nationen (UNO) die United Nations Protection Force (UNPROFOR) zum Schutz der Zivilbevölkerung, welche jedoch vor allem in der UN-Schutzzone Srebrenica versagen. 1994 schaltet sich das westliche Verteidigungsbündnis (NATO) mit Luftangriffen auf serbische Gebiete ein und entsendet internationale Friedens- und Stabilisierungstruppen. Zur Aufarbeitung der Verbrechen während der Jugoslawienkriege richtet die UNO 1993 das Internationale Straftribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag ein. Zahlreiche serbische, kroatische und bosnische Machthaber:innen und Militärangehörige wurden dort für ihre Kriegsverbrechen angeklagt und verurteilt. 1995 wird der von den USA vorangetriebene Friedensvertrag von Dayton zwischen Bosnien und Herzegowina, Serbien und Montenegro und Kroatien unterzeichnet. Dadurch wird der multiethnische Staat aus drei fast selbstständigen Landesteilen (die größtenteils von bosnischen Serb:innen bewohnte Republika Srpska, das Brčko-Distrikt und die Föderation Bosnien und Herzegowina) mit einem dreiköpfigen Staatspräsidium der drei Ethnien gegründet. Zentrale Kompetenzen, wie das Bildungswesen, liegen in den Händen der drei Teilrepubliken. Die „heiße“ Kriegsphase kann dadurch zwar beendet, die ethnischen, politischen, und institutionellen Spaltungen des Landes jedoch nicht beseitigt werden. Die Nachkriegsprozesse und Einhaltung des Friedensabkommens werden bis heute durch die internationale Gemeinschaft (v.a. EU, Hoher Repräsentant der Vereinten Nationen) und internationale Aufbauhilfen (bislang ca. 14 Mrd. US-Dollar) begleitet.
Der Hohe Repräsentant überwacht seit 1995 gemäß der Resolution 1031 des UN-Sicherheitsrates die zivilen Aspekte des Dayton-Abkommens. Er besitzt weitgehende Vollmachten: So kann er demokratisch gewählte Amtsträger:innen entlassen, Gesetze erlassen und neue Behörden schaffen (bmvg.de).
Zivilgesellschaftlich
2004 schlossen sich mehr als 130 Nichtregierungsorganisationen aus der Friedens- und Menschenrechtsarbeit, aus Jugend- und Frauenorganisationen sowie Opfer- und Veteran:innenverbänden zur Einrichtung einer überregionalen Wahrheitskommission (REKOM) aller Länder des ehemaligen Jugoslawien zur Aufarbeitung der Kriegs- und Menschenrechtsverbrechen zusammen. Allerdings fehlt bis heute die Umsetzung eines regionalen oder auch nationalen Aufarbeitungsprozesses. Nichtsdestotrotz arbeiten viele hundert bosnische und internationale zivilgesellschaftliche Initiativen daran, die Vergangenheit zu beleuchten und aufzuarbeiten.
Welche Friedensansätze werden diskutiert?
In Bosnien und Herzegowina sowie der gesamten ehemaligen jugoslawischen Region herrscht nach wie vor Konfliktpotenzial. Zum einen wird der Krieg sehr kontrovers von den Kriegsparteien bewertet, wie bspw. die Leugnung des Massakers und der Massengräber von Srebrenica durch die politische Führung der Republika Srpska zeigt. Der gegenwärtige Staat und seine Institutionen werden von zentralen Bevölkerungsteilen in Frage gestellt. Zur gesellschaftlichen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen und Versöhnungsarbeit zwischen den großen Ethnien trägt beispielweise das Projekt „Memory and history as the basis for social reconciliation in Bosnia and Herzegovina” der Berghof Foundation und dem Center for Peacebuilding (Centar za Izgradnju Mira (CMI)) 2018 bei. In Workshops werden anhand biographischer Interviews von Bosniak:innen, bosnischen Kroat:innen und bosnischen Serb:innen gemeinsam die Erfahrungen der Kriege, Gewalt und erzwungenen Migration aufgearbeitet.
Da sich das Konzept einer friedlichen multiethnischen und multireligiösen Zivilgesellschaft – welche zu Zeiten des Osmanischen Reiches größtenteils möglich war – im heutigen Bosnien und Herzegowina nicht durchsetzen kann, fordern vor allem Anhänger:innen des serbischen Volks die Abspaltung der Republika Srpska, bosnische Kroat:innen eine stärkere Unabhängigkeit und ggf. Herauslösung aus der Föderation. Besonders von bosniakischer Seite wird gefordert, dass Serbien sowie Bosnien und Herzegowina in die EU aufgenommen werden, um künftige Eskalationen zu verhindern und unter dem multikulturellen Schirm der EU allen Minderheiten Schutz zu gewährleisten.
Konfliktpartei: Bosnisch-serbische Seite
Konfliktpartei: Bosnisch-serbische Seite
Positionen
- Verbleib Bosniens im sozialistischen jugoslawischen Staatenverbund unter serbischer Führung bzw. Schaffung eines "Großserbiens"
- aktuell Abspaltungsbestrebungen der Republik Srpska von der Zentralregierung
Interessen
- Verhinderung einer möglichen Unterdrückung als Minderheit
- Erhalt der historischen Vormachtstellung
- Schaffung eines ethnisch und kulturell einheitlichen Gebiets
Bedürfnisse
- Wohlergehen
- Schutz der eigenen Identität
Arbeitsblatt Konfliktzwiebel (leer)
Arbeitsblatt Konfliktzwiebel Bosnisch-serbische Seite (ausgefüllt)
Konfliktpartei: Bosniakische Seite
Konfliktpartei: Bosniakische Seite
Positionen
- Bosnien soll von Jugoslawien unabhängig sein
- Es soll ein eigener zentral regierter Staat gegründet werden
Interessen
- politische Teilhabe
- Schutz vor Vertreibungen
- wirtschaftlicher Aufschwung
- eigener Nationalstaat
Bedürfnisse
- Wohlergehen
- Schutz der eigenen Identität
- Sicherheit und Überleben
Arbeitsblatt Konfliktzwiebel (leer)
Arbeitsblatt Konfliktzwiebel Bosniakische Seite (ausgefüllt)
Konfliktpartei: Bosnisch-kroatische Seite
Konfliktpartei: Bosnisch-kroatische Seite
Positionen
- Gründung eines bosnischen Staatenbunds aus Teilstaaten/ Anschluss an Kroatien
- Unabhängigkeit von Jugoslawien
Interessen
- politische Teilhabe
- Schutz vor Vertreibungen
- wirtschaftlicher Aufschwung
- eigener Nationalstaat
Bedürfnisse
- Wohlergehen
- Schutz der eigenen Identität
- Sicherheit und Überleben
Arbeitsblatt Konfliktzwiebel (leer)
Arbeitsblatt Konfliktzwiebel Bosnisch-kroatische Seite (ausgefüllt)
Konfliktbaum Bosnien und Herzegowina
Konfliktbaum Bosnien und Herzegowina
Effekte und Auswirkungen
- ca. 100.000 Tote
- mind. 2 Mio. Vertriebene
- hohe (v.a. Jugend-) Arbeitslosigkeit
- politische Krise
- Diskriminierung von Minderheiten
- schlecht funktionierendes Staatssystem
- hohes religiöses und politisches Radikalisierungspotential
- tiefe ethnische und politische Spaltung der Bevölkerung
Kernproblem: kein gemeinsames Staatsverständnis (Föderation vs. Konföderation)
Konfliktursachen
- Wirtschaftliche und politische Legitimierungskrise der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) der 1980er
- strukturelle Entwicklungsunterschiede
- Zerfall des sozialistischen Systems
- völkischer Nationalismus
Arbeitsblatt Konfliktbaum (leer)
Arbeitsblatt Konfliktbaum Bosnien und Herzegowina (ausgefüllt)
Literatur und Quellen
Literatur und Quellen
- Berghof Foundation (2013): Frieden Fragen. Gemeinsam Frieden erleben
- Calic, Marie-Janine (2020): Bosnien wartet bis heute auf den Frieden
- Fischer, Martina (2020): Bosnien-Herzegowina
- Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (o.J.): Jugoslawienkrieg. Kriege auf dem Balkan in den 1990er Jahren
- Sundhausen, Holm (2008): Der Zerfall Jugoslawiens und dessen Folgen
Karten
- Karte 1: Landkarte Bosnien und Herzegowina. International Crisis Group 2021.
- Karte 2: Lagekarte Bosnien und Herzegowina. The World Factbook 2021. Washington, DC: Central Intelligence Agency, 2021
- Karte 3: Karte der ethnischen Gruppierungen in Bosnien und Herzegowina. mr-kartographie / Bundeszentrale für politische Bildung 2022 | cc by-nc-nd/4.0/deed.de
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