Servicestelle Friedensbildung

Baden-Württemberg

 

PHILIPPINEN

Eine Konfliktanalyse aus friedenspädagogischer Sicht

Wo? – Konfliktregion

Die Philippinen sind ein Staat und Archipel mit 7641 Inseln im westlichen Pazifischen Ozean in Südostasien. Mindanao ist die zweitgrößte Insel und deren südlichste Inselgruppe. Von der Fläche her sind die Philippinen etwas kleiner als Deutschland. Die Bevölkerung beträgt rund 110 Millionen Einwohner:innen, darunter etwa 80- 90 Prozent Christ:innen. Auf Mindanao leben rund 15 Millionen Muslim:innen.

 

Wer? – Konfliktparteien

Auf den Philippinen gibt es seit dem Ende der 1960er Jahre mehrere bewaffnete Konflikte zwischen separatistischen Gruppierungen und der philippinischen Armee. Einer davon betrifft vor allem den überwiegend muslimischen Teil der Insel Mindanao im Süden des mehrheitlich christlich geprägten Landes. Dort kämpfen verschiedene muslimische Gruppierungen für mehr Autonomie und Unabhängigkeit gegen die Regierungstruppen. Der Konflikt ist vor allem innerstaatlich – allerdings haben einige der radikaleren Gruppierungen auch Verbindungen zu islamistischen Terrororganisationen ins Ausland.

Ein weiterer Konflikt besteht seit 1969 zwischen der Regierung und der kommunistischen New People’s Army (NPA), der hier nicht Gegenstand der Analyse ist.

Wann? – Zeittafel

1565: Besatzung durch das Königreich Spanien und Christianisierung
Vor der Kolonialisierung durch das Königreich Spanien bestehen die Philippinen aus verschiedenen Volksgruppen, die zwar untereinander vernetzt, aber überwiegend unabhängig voneinander leben. Das Königreich Spanien kolonialisiert den größten Teil der heutigen Philippinen und christianisiert die zuvor mehrheitlich muslimische Bevölkerung mit einer Vielzahl von Missionar:innen. Da im Süden der Philippinen der Islam zum Zeitpunkt der Ankunft der Spanier:innen sehr etabliert ist, nimmt die Bevölkerung das Christentum mehrheitlich nicht an.

1920–50er: Siedlungsprogramme für Christ:innen im Süden des Inselstaats
Staatliche Siedlungsprogramme führen dazu, dass die muslimische Bevölkerung von christlichen Siedler:innen aus dem Norden und der Mitte des Inselstaats verdrängt werden.

1969: Beginn des bewaffneten Konflikts unter der Marcos-Diktatur
Während der Marcos-Diktatur eskaliert der Konflikt zwischen der muslimischen Bevölkerung im Süden und dem mehrheitlich christlichen Rest der Bevölkerung. Marcos verhängt den Ausnahmezustand über Mindanao, was zahlreiche Menschenrechtsverletzungen zur Folge hat.

2014: Friedensabkommen und Gründung der Autonomen Region Bangsamoro im muslimischen Mindanao
Zunächst scheint hier der Friedensprozess auf einem guten Weg. Allerdings gerät der Friedensprozess bereits 2017 wieder ins Stocken.

2017: Präsident Duterte verhängt den Ausnahmezustand über Mindanao
Nach einer Serie von islamistischen Angriffen verhängt der Präsident Duterte den Ausnahmezustand über die Insel Mindanao. Die Regierungstruppen gehen hart gegen vermeintliche Islamist:innen vor, letztlich dauern die Kämpfe mehrere Monate und fordern überwiegend das Leben von Zivilist:innen.

2018: Verabschiedung einer neuen Verfassung für Mindanao in Folge eines Aushandlungsprozesses zwischen der Moro Islamic Liberation Front (MILF) und der philippischen Regierung

Anfang 2020: 30% der insgesamt rund 12.000 Kämpfer:innen der MILF haben ihre Waffen abgegeben 

Wie? – Mittel der Konfliktaustragung

Regierungstruppen

  • Vertreibung der muslimischen Bevölkerung
  • Verschwindenlassen von politischen Gegner:innen
  • Folter und unmenschliche Behandlung
  • Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren
  • Weitere Menschenrechtsverletzungen

Verschiedene muslimische Rebell:innengruppen

  • Vertreibung der christlichen Bevölkerung aus dem mehrheitlich muslimischen Süden
  • Anschläge auf christliche Kirchen
  • Raubüberfälle
  • Erpressung
  • Entführungen (auch von Ausländer:innen) und Lösegelderpressung
  • Bombenanschläge (z.B. 2003 auf den internationalen Flughafen in Davao City)
  • Granatenangriffe
  • Rekrutierung von Minderjährigen

Warum? – Erklärungen für den Konflikt

Kolonialisierung: nicht-christlichen Minderheiten wird politische Teilhabe verwehrt (machtbasierter Erklärungsansatz)

Die spanische Kolonialzeit trug zur Spaltung der Minderheiten auf den Philippinen bei: die Menschen, die in Mindanao ganz im Süden des Inselstaats lebten, haben sich der Christianisierung durch die Kolonialmacht Spanien verwehrt und ihren Glauben (den Islam) und ihre eigenen Traditionen bewahrt. Dafür wurden sie systematisch vertrieben und verfolgt. Die mehrheitlich christliche Bevölkerung im Norden und im Zentrum des Inselstaats grenzte sich von der muslimischen Bevölkerung im Süden zunehmend ab. 

Kulturelle Identitäten: Ungleichbehandlung der nicht-christlichen Bevölkerung im Süden (kultureller Erklärungsansatz)

Nachdem infolge des 1898 begonnenen Spanisch-Amerikanischen Krieges das Land schließlich von den USA besetzt wurde, schrieben diese 1903 die Ungleichbehandlung der christlichen und der muslimischen Bevölkerung mit einem neuen Landgesetz fort. So war es Christ:innen gestattet 23ha Land zu besitzen, während die nicht-christliche Bevölkerung nur 10ha Land besitzen durfte. Nach der Unabhängigkeit 1946 förderte die philippinische Zentralregierung außerdem die gezielte Einwanderung von christlichen Siedler:innen in den mehrheitlich muslimischen Süden. Die muslimische Bevölkerung wurde so in abgelegenere Regionen verdrängt und in ihrer Heimat zu einer Minderheit gemacht.

Friedenspotenziale

Welche Friedensbemühungen gibt es bereits?

2014: Friedensabkommen zur Gründung der „Autonomen Region Bangsamoro im muslimischen Mindanao“

Das Friedensabkommen wurde vom damaligen philippinischen Präsidenten Aquino sowie von einem Vertreter einer muslimischen Rebell:innengruppe unterzeichnet. Bangsamoro (heißt übersetzt „Land der Mauren“) ist bislang die einzige autonome Region der Philippinen. Mit dem Friedensabkommen fanden die Kämpfe in der Region zumindest vorerst ein Ende.

 

 

Welche Friedensansätze werden diskutiert?

Befrieden von lokalen Konflikten & Armutsbekämpfung

Auch wenn durch das Friedensabkommen die größeren Kämpfe aufgehört haben, treten an deren Stelle immer wieder kleinere, lokale Konflikte zwischen verschiedenen Clans auf. Die sozialen und institutionellen Strukturen sind nicht stark genug, um lokalen Machtkämpfen und Korruption zu begegnen. Deshalb wird auf lokaler Ebene viel mit Gemeinden gearbeitet, um dort die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten. Viele der ehemaligen bewaffneten Gruppen sind in diese Arbeit aktiv involviert.

Zivilgesellschaftlich: Friedensjournalismus

Die noch immer angespannte Situation auf Mindanao wird oftmals durch eine sehr emotionale und aufgeheizte Berichterstattung verschärft. So setzen sich zivilgesellschaftliche Netzwerke für einen „konfliktsensiblen“ Journalismus ein. Menschen sollen wieder mehr miteinander ins Gespräch gebracht werden, ohne dass dabei Ängste geschürt werden. Außerdem sollen dabei Propaganda und Extremismus eingedämmt werden.

 

Konfliktpartei: Regierungstruppen

Konfliktpartei: Regierungstruppen

Positionen
-    Mit radikalen Gruppen wird nicht verhandelt
Interessen    
-    Kontrolle des gesamten Staatsgebietes
Bedürfnisse
-    Sicherheit
-    Herstellung einer nationalen Einheit

 

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel (leer)

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel Philippinen Regierungstruppen (ausgefüllt)

Konfliktpartei: Verschiedene muslimische Gruppierungen

Konfliktpartei: Verschiedene muslimische Gruppierungen

Positionen
-    Moderate Gruppen: Autonome Region im muslimischen Mindanao
-    Radikalere Gruppen: Eigener muslimischer (Gottes-)Staat
Interessen
-    Gesicherte politische Teilhabe
-    Politische Autonomie
Bedürfnisse
-    Anerkennung der muslimischen Identität
-    Gerechtigkeit
-    Sicherheit

 

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel (leer)

Arbeitsblatt Konfliktzwiebel Philippinen Muslimische Gruppierungen (ausgefüllt)

Konfliktbaum Philippinen

Konfliktbaum Philippinen

Effekte und Auswirkungen

-    150.000 Tote
-    Verschwindenlassen von politisch unerwünschten Personen
-    Vertreibungen
-    außergerichtliche Hinrichtungen
-    politische Morde
-    Anschläge und Entführungen
-    Folter

Kernproblem: soziale Ungleichheit; autoritäres Regime; muslimischer Bevölkerung fehlt Selbstbestimmung und Aufarbeitung der historischen Ungerechtigkeiten

Konfliktursachen

-    v.a. während der Kolonialzeit Verdrängung von Minderheiten
-    Ungleichbehandlung der nicht-christlichen Bevölkerung während US-Besatzung
-    z.T. Radikalisierung der muslimischen Minderheit

(vgl. Fisher et al., 2000: 29)

Arbeitsblatt Konfliktbaum (leer)

Arbeitsblatt Konfliktbaum Philippinen (ausgefüllt)

 


 

Literatur und Quellen

Literatur und Quellen

Karten

  • Karte 1: Karte Philippinen. The World Factbook 2021. Washington, DC: Central Intelligence Agency, 2021.
  • Karte 2: Lagekarte Philippinen. The World Factbook 2021. Washington, DC: Central Intelligence Agency, 2021
  • Karte 3: Philippinen Mindanao. Kartographie: mr-kartographie, Gotha Lizenz: Creative Commons by-nc-nd/3.0/de | Bundeszentrale für politische Bildung 2021

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