Servicestelle Friedensbildung

Baden-Württemberg

 

Kenia – Auf Tore statt auf Menschen zielen

Ein Friedensprojekt der „Peace Counts"-Ausstellung

Text: Susanne Stiefel
Fotos: Frank Schultze

Anna  spielte  im  Sturm.  Sie  war  der  Star  ihrer Mannschaft. Bis sie entführt und zwangsverheiratet   wurde –wie   viele   junge Mädchen im ländlich geprägten Norden Kenias. Ihr Traum von einer Fußballkarriere zerplatzte. Ihr Team strauchelte. Für beide ist der Neuanfang schwer.

Volltext der Reportage (ohne Fotos) zum Download. Text Susanne Stiefel

Fotos der Reportage mit Kurztexten zum Download sowie ergänzende Anregungen, Fotos: Frank Schultze, Text: Anne Romund

Website der Organisation:  http://www.hodiafrica.org

Foto-Reportage

(zum Anschauen entweder der Slideshow folgen oder auf die Pfeile klicken)

  • Fatuma Abdulkadir Adan, Stuttgarter Friedenspreisträgerin 2011. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Die  Kenianerin  Fatuma  Abdulkadir  Adan  bringt  Menschen  aus  verfeindeten  Stämmen  im  Norden  Kenias zusammen. Indem sie gemeinsame Fußballturniere organisiert oder einen Frauenrat einberuft, der  über  die  Gewalt  der  Männer  berät.  Ihr  Rezept  ist:  Hartnäckigkeit,  Kreativität  und  eine  gute  Portion Optimismus.

  • Fatuma im Hodi-Büro in Marsabit. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Die  studierte  Anwältin  kehrte  aus  der  Hauptstadt  Nairobi in ihre Heimatstadt Marsabit im Norden Kenias  zurück.  Als  Kämpferin  für  den  Frieden.  „Man  muss  bei  sich  zu  Hause  anfangen“,  so  steht  es  auf  dem Poster von Eleanor Roosevelt in Fatumas Büro. Schon  als  Kind  hat  Fatuma  die  Stammesfehden  in  ihrer  Heimat  hautnah  miterlebt.  Ihre  Mutter  hat  sie  damals  unterm  Bett  versteckt,  wenn  draußen  Schüsse  fielen.  Und  deren  Mutter  tat  das  gleiche  mit  ihrem  kleinen  Mädchen.  Fatuma  Abdulkadir  Adan will diesen Teufelskreis der Gewalt durchbrechen. Fußball soll dabei helfen.

  • Fußballtraining auf dem staubigen Dorfplatz von Marsabit. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Der  Staub  hängt  wie  ein  roter  Schleier  über  dem  Fußballfeld. Auf dem Dorfplatz in Marsabit werden heute die Jungs trainiert. Kleine Mädchen drücken sich verschämt am Spielrand. Den Platz teilen sich die  Fußballspieler  mit  Mopedfahrern  und  mit  der  Fahrschule.  Geschickt  treiben  die  Spieler  den  Ball  vor sich her.

  • Vorfreude auf das gemeinsame Training. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Fußball  begeistert  die  Kinder  von  Marsabit.  Alle  wissen,  wer  die  Bundesliga  anführt  und  natürlich  kennen  sie  Beckenbauer.  Schweinsteiger.  Und  Thomas Müller. Wenn ein Spiel im Fernsehen übertragen  wird,  strömen  sie  zu  einer  kleinen  Blechhütte  im  Dorf.  Dort  kann  man  für  20  Cent  die  englische Premier League und die deutsche Bundesliga sehen.

  • Fatuma trainiert die Jungs und lässt sich auch von Morddrohungen nicht davon abhalten. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Fatuma  hat  ihr  bodenlanges  Gewand  gegen  Trainingshosen getauscht und ihren Schleier als Kopftuch fest um den Kopf geschlungen. „Shoot to score, not to kill“ steht auf dem weißen T-Shirt des Spielers neben ihr. „Schießen um zu punkten, nicht um zu töten“  –  so  lautet  die  Fußball-Friedens-Botschaft.  Und wer es immer noch nicht kapiert hat, kann auf seinem Rücken weiterlesen: Peace ambassador.

  • Der Trainer ist der Friedensbotschafter, und was er sagt, wird getan. Zum Beispiel Aufwärmen. Auch wenn das Spiel ohne Ball nur halb so viel Spaß macht. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Wer ein gemeinsames Ziel hat, schießt nicht aufeinander. Und so achten Fatuma und ihre Fußball-Trainer  darauf,  dass  in  einer  Mannschaft  alle  verfein-deten Stämme vertreten sind, Borana und Gabbra. Dass man mit- und nicht gegeneinander spielt. Und dass  man  gemeinsam  trainiert.  „Ich  will,  dass  sie  miteinander Fußball spielen und sich nicht gegenseitig abschlachten“, sagt Fatuma.

  • Bewaffnet an der Wasserstelle. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Hier im nördlichsten Teil Kenias kämpfen die Stämme der Borana und Gabbra um Wasser, Weidegründe und um Vieh. Die Zahl der Rinder bestimmt hier den  Wert  eines  Mannes.  Im  restlichen  Kenia  redet  niemand   über   diesen   seit   langem   schwelenden   Konflikt,  kaum  einer  kennt  ihn.  Weit  weg  in  der  Hauptstadt Nairobi gilt die Region als wild und archaisch. Die Stammesfehden zwischen Borana und Gabbra fordern hier jedes Jahr Todesopfer.

  • Immer wieder wird Fatuma in die kleinen Dörfer gerufen. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    In  den  Gesichtern  der  Menschen  kann  man  die  Trauer  und  die  Verzweiflung  über  die  andauernde  Gewalt ablesen. Besonders das Massaker von Turbi 2005  hat  sich  in  das  kollektive  Gedächtnis  eingegraben.  Krieger  vom  Stamm  der  Borana  hatten  70  Gabbra niedergemetzelt, die meisten davon Frauen und  Kinder.  Viele  können  bis  heute  nicht  darüber  sprechen.

  • Fatuma besucht zwei Mädchen aus ihrer Frauenmannschaft in deren Hütte. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Fatuma  will  das  Schweigen  brechen.  „Wie  soll  ich  zu euch sprechen? Als Borana oder als Gabbra oder als Mensch?“ fragte Fatuma die Frauen der verfeindeten  Stämme  der  Gabbra  und  Borana.  Sie  hatte  sie  alle  gemeinsam  versammelt.  Die  Mutter,  deren  Sohn von Boranas erschlagen wurde, hockte neben der Witwe, deren Mann von Gabbra-Kugeln getötet worden  war.  Zunächst  war  die  Stimmung  sehr  angespannt.  Doch  nachdem  die  Frauen  reihum  über  ihre persönlichen Verluste berichtet hatten, standen  allen  Tränen  des  Mitgefühls  in  den  Augen.  Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten

  • Fatuma mit ihren Eltern von den zwei verfeindeten Stämmen Borana und Gabbra. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Ihren  Eltern  erzählt  Fatuma  wenig,  wenn  sie  raus-fährt aufs Land, dorthin, wo es gefährlich ist. Dort wo sie zwischen Borana und Gabbra vermittelt. Sie will  die  Eltern  nicht  beunruhigen.  Die  sähen  ihre  Tochter so gerne sicher und wohlbehalten in einer Anwaltskanzlei in Nairobi. Doch die junge Frau ist für viele Menschen die ideale Friedensbotschafterin. Denn Fatuma ist halb Gabbra, halb Borana. Ihre Eltern  sind  der  lebende  Beweis,  dass  das  Zusammenleben der Stämme funktionieren kann. „Meine Herkunft  ist  Chance  und  Bürde  zugleich“,  sagt  Fatuma. Sie hat die Chance genutzt.

  • Stets unerschrocken und freundlich, sucht Fatuma das Gespräch. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Regelmäßig kriegt sie Morddrohungen auf ihr Handy,  seit  sie  vor  sieben  Jahren  angefangen  hat,  sich  für  Frieden  einzusetzen.  „Wenn  du  nicht  aufhörst,  wirst du sterben“ - sie las diese Worte in allen drastischen  Variationen.  Sie  gewöhnte  sich  daran,  sie  zuckt  die  Schultern.  Sie  lässt  sich  nicht  abschrecken.  Engagiert  sich  für  Menschenrechte.  Und  für  Frauen.  Sie  ist  sicher,  dass  sie  das  richtige  macht,  das hilft gegen die Angst.

  • Blick ins bescheidene Büro der von Fatuma gegründeten NGO Hodi. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Sie ist die Gründerin und Leiterin einer Nichtregierungsorganiation  mit  dem  Namen  „Horn  of  Africa  Development  Initiative“.  Mit  ihrem  fünfköpfigen  Team  organisiert  Fatuma  Spargemeinschaften  für  Frauen,  kostenlose  juristische  Beratung  und  Fußballturniere.  „Wir  müssen  uns  selbst  helfen,  weil  wir uns auch am besten kennen“, sagt sie mit ihrem Lächeln,  das  schon  manches  klare  Wort  sanft  vermittelt hat.

  • Blick auf den Mount Marsabit. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Bei einem Ausflug in das Umland von Marsabit erin-nert sich Fatuma an den Tag, an dem sie kurz davor war aufzugeben. Es war am 10. April 2006. Sie hatte all  die  Minister  und  Abgeordneten  aus  der  Region  gebeten, mit dem Flugzeug nach Marsabit zu kommen,  um  Friedensgespräche  zu  führen.  Doch  das  Flugzeug mit der Friedensdelegation zerschellte am Hang  des  Mount  Marsabit.  14  Menschen  starben.  Fatuma  fühlte  sich  schuldig  und  verantwortlich.  Doch  sie  machte  weiter.  Seitdem  veranstaltet  sie  zum  Gedenken  an  die  Opfer  jährlich  ein  Friedens-Fußballturnier mit Schweigeminute.

  • Hauptstraße von Marsabit. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Fatumas Heimatstadt Marsabit mit 30 000 Einwohnern  ist  nur  eine  kleine  Ansammlung  von  Hütten  und  Häusern.  Fatuma  läuft  jeden  Morgen  die  hundert Meter von ihrem Elternhaus zu ihrem Büro. Sie kennt hier jeden. Schließlich ist sie hier zur Schule gegangen, genauso wie ihre fünf Geschwister.

  • Für die Frauen hat Fatuma über die NGO Hodi Spargemeinschaften organisiert.. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Sie  ist  eine  begnadete  Netzwerkerin,  die  mit  dem  amerikanischen Botschafter in Nairobi genauso unerschrocken plaudert wie mit der alten Frau, die auf ihrem gebeugten Rücken Brennholz aus dem Wald geholt hat. Fatuma schickt auf ihrem Weg zum Büro einen Gruß hinüber zum Imam, der schon bei manchem  Fußballturnier  dabei  war.  Plaudert  mit  dem  Schreiner, der die Pfosten für das Fußballtor bereit-stellte.  Lacht  mit  der  Frau  vom  Buchladen,  deren  Tochter Linksaußen spielt.

  • Mit Kopftuch und Feuereifer beim Fußballtraining: Fatumas Mädchenmannschaft. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Die  Mädchenmannschaft  von  Fatuma  wärmt  sich  auf einem Platz außerhalb des Dorfes auf. Das sieht unspektakulär aus, ist aber für sich schon eine kleine  Revolution  im  muslimisch  geprägten,  konservativen  Marsabit.  Einmal  wurde  Fatuma  von  einer  aufgebrachten  Frau  geschlagen,  die,  vom  Imam  ihrer  Gemeinde  aufgehetzt,  nicht  wollte,  dass  ihre  Tochter  Fußball  spielte.  Manch  junger,  radikaler  Imame Marsabits verflucht beim Freitagsgebet alle Mädchen.  Einer  predigte  gar,  dass  die  Mädchen  beim Kicken ihre Jungfräulichkeit verlören.

  • Die Fußballmädchen brauchen immer wieder Fatumas Aufmunterung. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Diese  offene  Feindseligkeit  schweißt  die  Mädchen  zusammen.  Aber  sie  ist  auch  eine  ernste  Bedrohung. 2008 war ein sehr schmerzvolles Jahr für Fatumas  Mädchenmannschaft.  Dabei  waren  sie  gut.  Sie hatten einen engagierten Trainer, sie hatten die Form, um Pokale zu gewinnen. Doch dann wurden die  Kapitänin,  die  Torfrau,  eine  Verteidigerin    und  die  zweite  Torfrau    entführt.  Es  war  das  jähe  Ende  der  Mannschafts-  und  Mädchenträume  auf  einen  Turniersieg - und auf ein bisschen Glück im Leben.

  • Sie heißt Anna, aber sie nannten sie Fabregas, weil sie so virtuos mit dem Ball umgehen kann. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Trotz Kopftuch und langem Rock dribbelt Anna gekonnt mit dem Ball. Sie war die Kapitänin dieser erfolgversprechenden Mädchenmannschaft. Eine mit Lust am Zweikampf und einem Gefühl für den Ball. Das  ist  auch  bei  diesem  Ausflug  auf  das  Spielfeld  spürbar,  das  so  grün  daliegt  am  Hang  des  Mount  Marsabit,  als  gäbe  es  hier  keine  Dürre.  Anna  war  eine  begeisterte  Spielerin,  bis  zu  dem  Tag  an  dem  sich ihr Leben für immer veränderte.

  • Die 13-jährige Anna wurde entführt, ihr altes Leben als Schulmädchen und Fußballspielerin wurde ihr geraubt. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Stockend berichtet sie Fatuma von dem Tag als sie geraubt wurde. Fünf fremde Männer zerrten sie kurz vor ihrer Haustür ins Auto. Sie hielten sie über zwei Tage  und  Nächte  fest.  Anna  weiß  bis  heute  nicht,  wo.  Danach  war  sie  schwanger  und  kurz  darauf  verheiratet  mit  einem  Mann,  der  mehr  als  doppelt  so  alt  ist  wie  sie.  Seitdem  muss  sie  diesen  Schleier tragen, an Schule oder Fußball ist nicht mehr zu denken.  Warum  gab  ihre  Mutter  sie  diesem  Mann  zur  Frau?  „Ich  konnte  nicht  noch  einen  hungrigen  Magen satt kriegen“, sagt Annas Mutter und blickt nach  unten.  Anna  hofft,  irgendwann  wieder  Fußball  spielen  zu  können.  Sie  hofft  auf  Fatuma  und  ihren Ideenreichtum.

  • Fatuma und zwei ihrer Fußballmädchen beim Spaziergang. © Foto: Frank Schultze für Peace Counts

    Fatuma  läuft  mit  Anna  und  deren  Freundin  über  das  Gelände,  das  sie  sich  als  Fußballfeld  ausgeguckt hat. Sie will dort mit den Mädchen trainieren,ohne   dass   sie   auf   dem   Dorfplatz   beschimpft   werden.  Und  mit  ihrer  Beharrlichkeit  wird  sie  es  auch schaffen. Sie hat große Pläne. Zur Einweihung soll  Auma  Obama,  die  Schwester  des  amerikanis-chen Präsidenten, aus Nairobi kommen. Die ist bei der  Hilfsorganisation  Care  verantwortlich  für  den  Sportbereich  und  kennt  Fatuma,  die  umtriebige  Friedensfußballerin  aus  Marsabit.  Sie  hat  ihr  ihre  Biografie geschenkt. In der Widmung steht „Danke Fatuma, für die großartige Arbeit, die du machst.“

Die Stuttgarter Friedenspreisträgerin Fatuma Abdulkadir Adana (YouTube)

Was ist die „Peace Counts"-Ausstellung?

Frieden ist spannend, zeigt das  Projekt Peace Counts. Wie überwinden Menschen persönliche Grenzen, um auf ihre Feinde zuzugehen? Warum gelingt manchen Jugendlichen der Ausstieg aus bewaffneten, radikalen Gruppen? Wo treten Frauen für ein Ende der Gewalt ein? Was können Fußball, Radio, Tanz und Streit zum Frieden beitragen? Die Reportagen lenken den Blick auf kreative Lösungen und gelungene Kommunikation in Konflikten. Die Roll-up Ausstellung zeigt eine Auswahl der besten Reportagen erfolgreicher Projekte aus rund 30 Konfliktregionen der Welt.

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Workshop – jetzt auch online!

Bei Interesse bietet die Servicestelle begleitende friedenspädagogische Workshops an. Diese richten sich insbesondere an Schüler:innen und Lehrkräfte, können aber auch von weiteren interessierten Zielgruppen angefragt werden. Die Workshops finden entweder digital oder als Präsenzveranstaltung statt.  Basierend auf Lernen nach Vorbildern und Biographien wird das Engagement von Menschen aus Konfliktregionen rund um die Welt besprochen, die mit kreativen zivilen und gewaltfreien Methoden Frieden im Kleinen und Großen schaffen.

Was beinhaltet der Workshop`? Welche  technischen Voraussetzungen werden vorausgesetzt?  Wie kann man sich anmelden?

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